5 Fragen an Valerij Tomarenko

In einer neuen Reihe stellen wir Profis, die aufgrund ihrer Erfahrung und Positionierung in der translation industry Aufschlussreiches und Hilfreiches vermitteln können, 5 Fragen. Heute beantwortete Valerij Tomarenko meine Fragen.

Den Anfang der Reihe „5 Fragen an …“ machte im Juli 2016 Siegfried Armbruster.

Valerij Tomarenko, Dolmetscher und Übersetzer, teilt heute seine Gedanken rund um unser Metier mit uns. Im Gespräch mit Valerij ergab sich eine Zwischenfrage, so dass es streng genommen heute 6 Fragen an den Profi sind. Was Valerij sagt, wird ganz bestimmt nicht nur BerufseinsteigerInnen zum  Nachdenken anregen.

Valerij, was sind deiner Auffassung nach die wichtigsten Schlüssel für den Erfolg in unserem Metier?

Jeden Übersetzungsauftrag mit den Augen des Kunden betrachten: Kundenperspektive + Mitdenken = Erfolg. Die Formel ist einfach, aber nicht selbstverständlich: In unserem Metier wird unter Übersetzung meist eine Übertragung der bereits vorhandenen Vorlage in eine andere Sprache verstanden. Allerdings ist es für den Kunden wichtiger, mit unserer Übersetzung seine Ziele zu erreichen, als das Vorgegebene, nur in einer anderen Sprache, zu bekommen. Ohne diese Ziele zu verstehen, nämlich wofür der Kunde uns seine Vorlagen zum Übersetzen schickt, kann man meiner Meinung nach schwer zum Erfolg kommen.

Anders gesagt, erwartet der Kunde ein Produkt, das für ihn meist Mittel zum Zweck ist. Und einen entsprechenden Service, der mit dem Mitdenken anfängt: Was genau will der Kunde mit unserer Übersetzung erreichen? Liefert die Vorlage wirklich die besten Argumente für seine Zielgruppe? Was lässt sich anpassen oder verbessern? Wie kann der Übersetzer dem Kunden helfen, mit dem Adressaten besser zu kommunizieren? Mittel und Zweck, „medium vs. message“: Für den Erfolg in unserem Metier ist es wichtig, diesen Zusammenhang zu verstehen und nicht nach dem Motto „Text rein, Text raus“ zu agieren.

Auch die von Dir befragten Kunden (hier meine Empfehlung: Lest bitte unbedingt Giselles Artikel „Was Auftraggeber sich von Übersetzern wünschen“ in der aktuellen MDÜ-Ausgabe) beklagen diese weitverbreitete Denkweise: „Der Text und nur der Text ist der Auftrag“. Der Sinn des Übersetzungsauftrages bleibt häufig auf der Strecke.

In meinem Buch „Through the Client’s Eyes: Read This to Become a Better Translator“ (erscheint voraussichtlich Ende 2017) bezeichne ich den Schlüssel zum Erfolg als 4Ps (ähnlich der üblichen „5 Ms of management“, „4 Cs of marketing“ usw.). Allerdings sind es nicht die klassischen „Product-Price-Place-Promotion“, sondern eine Kombination aus Professionalität, Projektdenken, Persönlichkeit und Verpackung. Das Buch handelt größtenteils davon, wie unsere Kunden Übersetzungen sehen, aber auch davon, was wir – angesichts dieser Sichtweise – von anderen Branchen lernen können. Allen voran: Publishing, Werbung, Design, wo weniger das Verbale, vielmehr das Visuelle zählt.

Da dürfen wir gespannt sein.
Haben nicht etwa Dolmetscher einen besseren Draht zum Kunden? Sind sie eher als Übersetzer kundenorientiert? Du bist als Übersetzer und Dolmetscher tätig. Erzähl uns bitte von Deinen Erfahrungen.

Bekanntermaßen fordern Übersetzer immer „mehr Kontext“, sehen aber den Zusammenhang zwischen ihrem „Text“ und dem eigentlichen Ziel des Kunden selten. Aber auch unternehmerische Zusammenhänge, wie ein anderer Deiner befragten Kunden sagte, sind für viele Übersetzer „böhmische Dörfer“. Welche besseren Möglichkeiten gibt es sonst, die spezifischen, firmeninternen Prozesse und die unternehmerischen Zusammenhänge im Allgemeinen zu verstehen, als den Kunden und sein Unternehmen vor Ort kennen zu lernen?

Ich habe Glück, als Dolmetscher bei vielen Unternehmen vor Ort zu sein. Seit über 20 Jahren bin ich außerdem als Dolmetscher im Bereich Unternehmensberatung und Managementtraining tätig, hauptsächlich für die GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) und ihre Partner. Auf diesem Wege lernt man, wie es in der Wirtschaft wirklich abläuft, und kann nicht umhin, Spezialwissen zu erwerben.

Ich glaube, dass der beste Weg zur Spezialisierung – ein Zauberwort für Übersetzer – über die praktische Arbeit erfolgt. Wie auch das Wissen über den Markt. Denn was ich vorher beschrieben habe, gilt überwiegend für „mein“ Marktsegment, das ich aus der Praxis kenne – Direktkunden im Bereich B2B. Auf die KollegInnen, die z.B. Personenurkunden übersetzen oder hauptsächlich für Agenturen arbeiten, ist das natürlich nicht übertragbar.

Ich glaube aber auch, dass Spezialisierung alleine, ohne das allgemeine Wissen und die Fähigkeit, betriebliche Zusammenhänge zu verstehen, auch nur die halbe Wahrheit ist. Gerade bei Kontakten mit Führungskräften, die ich als Dolmetscher kennenlerne, stelle ich fest, wie wichtig die sogenannte methodische Kompetenz ist: Viele CEOs, aber auch Abteilungsleiter wechseln im Laufe ihres Berufslebens mehrmals Unternehmen und Branchen, sie sind eher Generalisten, können sich aber die Spezialkenntnissen, auf die es ankommt, immer aneignen.

Meiner Meinung nach bringt das Dolmetschen und das Übersetzen zusammen hohe Synergien. Aber auch hier fängt alles beim Kunden an. Ich erlebe, wie wichtig es für den Kunden ist, eine Vertrauensperson und einen verlässlichen Partner für alle sprachliche Belange und die Kommunikation zu haben. Wenn sich dieses Vertrauen aus der Zusammenarbeit mit dem Dolmetscher ergibt, ist es für den Kunden unverständlich, warum er für einen schriftlichen Nachfolgeauftrag (z. B. Übersetzen eines Vertrags nach den Verhandlungen, bei denen die Vertragsentwürfe mit dem Kunden – durch den Dolmetscher vor Ort – besprochen wurden) einen anderen Dienstleister suchen sollte.

Welche Empfehlungen willst du jüngeren KollegInnen, die gerade in den Beruf einsteigen, mit auf den Weg geben?

Das wäre mit dem ersten Punkt deckungsgleich: Augen offen zu halten, um das, was sie gerade machen, in einem größeren Zusammenhang aus der Kundenperspektive zu betrachten. Aber vielleicht auch das: Die Technik – ich meine die technischen Mittel wie z.B. Software – ist lediglich Mittel zum Zweck. Die Kochgeräte sind nicht das Entscheidende, das einen guten Koch ausmacht. Auch die Fotokameras, egal wie toll sie sind, nutzen allein, ohne Menschen, recht wenig: Dass man ein schlechter, guter oder genialer Fotograf wird, hängt nicht von den Geräten und nicht von der Software ab.

Übersetzer neigen zum Perfektionismus. Sie suchen (und finden) immer Fehler und können mit dem Grundsatz „besser done than perfect“ wenig anfangen. Allerdings erlebe ich in letzter Zeit, dass viele nicht einmal ein fertiges, komplettes Produkt abliefern. Viele derjenigen, die ihren Auftrag als „Text rein, Text raus“ behandeln (siehe oben), sehen nicht einmal ihren Text als Ganzes, verstehen nicht, was „done“ bedeutet. Sie übersetzen einzelne Segmente in ihren CAT-Tools und leiten die Segmente in der Zielsprache weiter, ohne das aus ihrem CAT-Tool exportierte Dokument im ursprünglichen Programm – mit den Augen des Kunden – zu prüfen.

Ich weiß nicht, ob es an den CAT-Tools liegt oder daran, dass viele hauptsächlich für Agenturen (sprich für den Handel, nicht für den Endkunden) arbeiten, aber ich vermisse zunehmend die Freiheit und die Verantwortung für eigene Produkte und eigenen Service. Offensichtlich erwartet man, dass immer nachgearbeitet wird. Dass jemand es nochmals liest, formatiert, anpasst, die Verantwortung übernimmt… Im wirklichen Leben ist es nicht so.

Da gebe ich dir völlig recht. Worüber wunderst du dich am meisten im Auftreten / Verhalten jüngerer KollegInnen in den Social Media?

Ich habe den Eindruck, dass für die Nutzung der Social Media andere Kriterien als Alter bzw. Erfahrung („jüngere vs. ältere KollegInnen“) eine Rolle spielen. Außer der Demografie hängt Vieles von der Persönlichkeit ab. Allerdings sind mir auch andere Aspekte aufgefallen – z.B. Mitgliedschaft in einem professionellen Verband. Gerade unter unseren Verbandsmitgliedern habe ich reichlich KollegInnen getroffen, die Facebook, Twitter usw. grundsätzlich meiden, ablehnen oder ignorieren. Einige haben eine ausgesprochen negative Einstellung zu allem, was sie „Facebook & Co.“ nennen. Sie sehen keinen Nutzwert, in den Social Media unterwegs zu sein, verstecken sich hinter Pseudonymen oder scheuen es, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Es wäre interessant zu erfahren, wie hoch der Anteil von Verbandsmitgliedern in den bekannten deutschen Übersetzergruppen auf Facebook (z.B. in Deiner Gruppe „Café Umlaut“) ist.

Für diejenigen, die die Social Media aktiv nutzen, wünschte ich mir schon ein etwas „ambitionierteres“ und professionelleres Auftreten, insbesondere auf Facebook. Ich sehe wenig Sinn, sich über Agenturen mit ihren „unverschämten“ Preisen zu echauffieren. Als Dienstleister bestimmst du, nicht die Agentur, den Preis. Wenn dein Angebot nicht angenommen wird, such dir andere Kunden. Biete deine Produkte und Dienste nicht über den Handel (Agenturen), sondern direkt an. Aber auch hier fällt den meisten schwer zu glauben, dass das funktioniert. Oder dass ein stabiles Jahreseinkommen im sechsstelligen Bereich nicht nur erstrebenswert, sondern auch durchaus realistisch ist.

Was viele mittlerweile als „poverty cult“ kennen, ist für mich schlichtweg „Selbstsabotage“. Mir liegt es fern, die Schuld nur bei den Opfern zu suchen, aber viele, sehr viele Probleme, über die unsere KollegInnen in den Social Media bitter klagen, sind, wie es auf Deutsch so schön heißt – hausgemacht. Und eines dürfen wir nicht vergessen: Die Selbstsabotage verhindert nicht nur den eigenen Erfolg, sondern mindert die Erfolgschancen der anderen. Das wirkt negativ auf die gesamte Branche. Auch das Berufsbild als solches leidet darunter.

Da sprichst du mir aus der Seele, Valerij. Eine Zwischenfrage zum Thema „poverty cult“ und „Selbstsabotage“. Du weißt, dass nicht wenige KollegInnen ein Problem mit dem Wort „Erfolg“ haben, weil es für sie negativ konnotiert ist. Was sagst du dazu?

Ich frage mich, welche Begriffe denn für sie positiv konnotiert sind. Überhaupt: Welche Alternativen hat man da, wenn „Erfolg“ nicht erstrebenswert wäre: „Hauptsache, es macht Spaß“? „Auf die richtige Work-Life-Balance kommt es an“? „Dafür bin ich mein eigener Chef und muss nicht ins Büro gehen“?

Das Problem ist nur, dass all die vermeintlichen Alternativen und Erfolg sich gegenseitig nicht ausschließen. Im Gegenteil: Alternativen und Möglichkeiten werden gerade durch Erfolg geschaffen.

Ich fürchte, dass die negative Wahrnehmung des Erfolgs oder des Begriffs „Erfolg“ einen Boden für so eine Art proaktive Selbstverteidigung bereitet: Bleibt der Erfolg aus, macht ja nichts. Es bringt nichts Gutes und es liegt sowieso nicht an mir. Da wären die „Schuldigen“ gleich draußen: Markt, Kunden, Übersetzungsindustrie, Machine Translation… Fragt sich nur, was die erfolgreichen KollegInnen alles falsch machen, wenn sie trotz alledem Erfolg haben.

Damit der Boden für Rechtfertigungen nicht zu weich wäre, muss der Erfolg – wie auch immer man es nennt – negiert, relativiert oder in Frage gestellt werden. So entsteht ein Teufelskreis: Diejenigen, die Erfolg haben, haben wenig Motivation, darüber zu berichten. Und das, worüber nicht berichtet wird, gibt es nicht. Also weg mit dem Begriff!

Genau! … Was meinst du? Können die Übersetzerverbände uns helfen, das Berufsbild zu verbessern?

Unter den Verbänden schätze ich vor allem den BDÜ. Der richtige Weg wäre meiner Meinung nach eine weitere Professionalisierung und Zentralisierung. Dafür setzte ich mich ein, um den BDÜ präsent auch im Norden zu machen: vor knapp zwei Jahren gab es in Hamburg noch keinen BDÜ.

Im Gegensatz zu anderen Verbänden steht der BDÜ zu seiner Zielgruppe: freiberufliche Übersetzer, keine Agenturen. Giselle, du kennst dich gut mit der Automobilbranche aus: Wie wäre es, Autofahrer, KFZ-Mechaniker, Zulieferbetriebe, Gebrauchtwagenhändler und große Automobilkonzerne zusammenzubringen und sich zum Interessenvertreter dieser „Industrie“ zu erklären? Keine gute Idee. Das ist aber, was einige andere Verbände de facto tun.

Aber auch dem BDÜ wünschte ich eine differenziertere Einstellung, z.B. gegenüber dem Standard ISO 17100 (siehe z. B. meinen Artikel über die Vorgängerversion). Oder: Mir ist unbegreiflich, warum die einigen wenigen Suchkriterien in der BDÜ-Online-Datenbank neben Qualifikation (Übersetzer, Dolmetscher usw.), Fachgebiet (sind übrigens Biopharmaka und Biopharmazeutika zwei verschiedene Gebiete?) und Standort auch ein „Übersetzungstool“ enthalten. Ich kenne kein Handwerkerverzeichnis, wo nach den „Tools“ gesucht wird. Oder geht jemand zum Friseur, weil der Friseur die Haarschneidgeräte einer bestimmten Marke verwendet? Sollte man nicht die Wahl der Technik dem Dienstleister überlassen? Für mich ist die BDÜ-Datenbank ein klares Zugeständnis an die Agenturen. Ich kenne die Gegenargumente des BDÜ – angeblich gibt es auch Direktkunden, die Wert auf bestimmte CAT-Tools legen. Solche Kunden – Firmen, die eigene Abteilungen nach dem Vorbild der Agenturen haben – sind aber eine absolute Seltenheit. Die deutsche Wirtschaft besteht zu 99 % aus KMU. Sie haben keine CAT-Tools und suchen keine Bediener für solche. Mit den halbfertigen Produkten können sie nichts anfangen, genauso wenig mit „Sprachexperten“, wie die BDÜ-Datenbank sich nennt. Gefragt sind Dienstleister in Sachen Kommunikation, die für die Verkäufer, Finanzleute, Juristen oder Ingenieure der Kunden überzeugend vermitteln können. Diese Kompetenz herauszustreichen, glaube ich, würde helfen, das Berufsbild zu schärfen. Und vielleicht auch zu einem besseren Selbstverständnis und Selbstwertgefühl unserer KollegInnen beizutragen.

Vielen Dank, lieber Valerij, für das Gespräch.

Zu Valerij Tomarenko

valerij-tValerij Tomarenko wohnt in Hamburg und arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher in den Sprachkombinationen Deutsch-Russisch und Englisch-Russisch. Über seine Erfahrungen schreibt er unter anderem in seinem hervorragenden Blog „Anmerkungen des Übersetzers“.

 

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