Ausstieg aus der Festanstellung

Sie wollen aus der Festanstellung aussteigen und sich direkt selbstständig machen? Hier ein paar Tipps für einen reibungslosen Übergang.

Anmerkung: Der/die eine oder andere aufmerksame Leser(in) von Wissenswinkel wird fragen: Moment mal! Hatten wir das Thema nicht gerade erst? Jein. Im Beitrag 12 Tipps für Einsteiger ging es um Empfehlungen zur Vorbereitung im Allgemeinen.  Mit dem heutigem Artikel möchte ich auf die immer wieder auftretende Frage antworten: „Ich bin noch in Festanstellung und will mich selbstständig machen. Soll ich erst kündigen und mich dann organisieren – oder umgekehrt? Und was ist speziell in diesem Fall zu tun?“ – wobei der eine oder andere Tipp durchaus identisch ausfallen kann.

Gleich vorab: Die ideale Lösung gibt es nicht. Alles hängt immer von Ihrer persönlichen (auch und vor allem finanziellen) Situation ab.

Wer sich selbstständig macht, braucht Aufträge, also Kunden – eine Binsenweisheit. Und diese fliegen nicht säckeweise über Nacht auf den Schreibtisch bzw. in den Mailkasten. Gehen Sie davon aus, dass Sie im Regelfall mindestens 6-8 Monate brauchen werden, bis Sie sich in Ihrer Selbstständigkeit „eingerichtet“ haben, also Einträge in (evtl. auch kostenpflichtige) Verzeichnisse und Datenbanken vorgenommen sowie Ihre Website und erste Marketingmaßnahmen umgesetzt haben, die erste Früchte tragen.

Wenn Sie über ein komfortables finanzielles Polster verfügen, das für diesen ersten Zeitraum ausreichend ist, d.h. mit dem Sie nicht nur Ihre laufenden Kosten tragen, sondern auch noch Reserven für Unvorhersehbares sicherstellt, dann steht es Ihnen frei, Ihre Festanstellung aufzugeben und gleich den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

Die allermeisten werden jedoch nicht über dieses Polster verfügen und sollten daher ihren Schritt von der Festanstellung in die Selbstständigkeit wohlüberlegt planen.

  1. Auch wenn Ihr Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit groß ist, fragen Sie sich, ob Sie dafür geeignet sind. Hierbei hilft unsere Checkliste: Sind Sie ein Unternehmertyp?
  2. Ermitteln Sie, wer Ihre potenziellen Kunden sind, wo sie sind und welchen Bedarf sie an Ihren Dienstleistungen haben. Sabine Lammersdorf hat zu diesem Thema einen hilfreichen Beitrag verfasst: hier zum Download.
  3. Stellen Sie fest, ob diese Kundenbasis zu Ihren Kenntnissen in diesem Bereich passt oder ob Sie Ihre Kenntnisse eventuell noch vertiefen wollen – eventuell können Sie dies noch während Ihrer Festanstellung in Wochenendseminaren oder Fernlehrgängen erledigen.
  4. Versuchen Sie, bereits während Ihrer Festanstellung nebenberuflich tätig zu sein und Kunden an Land zu ziehen, um einen gleitenden Übergang in die Selbstständigkeit vorzunehmen. Lassen Sie sich von Ihrem Finanzamt oder einem Steuerberater beraten, denn diese Nebentätigkeit muss selbstverständlich versteuert werden.
  5. Planen Sie noch vor der Kündigung Ihres festen Jobs die Maßnahmen, die nicht unmittelbar einen Umsatz generieren: Name Ihres Unternehmens, Logo, Ihre Dienstleistungspalette, Kalkulation, Website, Visitenkarten, Büroeinrichtung usw., je nach dem, was Sie sich vorstellen.
  6. Fragen Sie telefonisch bei einem Existenzgründungsberater der Agentur für Arbeit nach, ob Sie evtl. einen Zuschuss bekommen und/oder eine Förderung zum Beispiel für ein Existenzgründungsseminar. Der Existenzgründungszuschuss ist eine Ermessenleistung des Sachbearbeiters – natürlich innerhalb gewisser Rahmenbedingungen. Lesen Sie auch den entsprechenden Beitrag auf Wissenswinkel zum Thema Existenzgründungszuschuss. Wenn Ihr Arbeitgeber eine sog. betriebsbedingte Kündigung ausspricht, haben Sie in jedem Fall Anspruch auf den Existenzgründungszuschuss. Hierfür sind dann einige Anforderungen (z.B. Business Plan) zu erfüllen.
  7. In jedem Fall kann eine kostenlose Beratung in Ihrer zuständigen Agentur für Arbeit nicht schaden. Hier erste Informationen.
  8. Nehmen Sie sich Zeit, um die zahlreichen Informationen auf dem Existenzgründerportal des Bundesministeriums für Wirtschaft zu durchforsten.
  9. Als Einführungslektüre empfehlen wir: Best Practices – Übersetzen und Dolmetschen, Ein Nachschlagewerk aus der Praxis für Sprachmittler und Auftraggeber, herausgegeben vom BDÜ
  10. Nutzen Sie die Zeit der Festanstellung mit geregelten Arbeitszeiten und freien Wochenenden, um sich über Weiterbildungsmaßnahmen entsprechend vorzubereiten: Beim BDÜ finden Sie ein breitgefächertes Angebot.
  11. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Krankenversicherung, wie Ihr Versicherungsschutz nahtlos weitergeht. Holen Sie sich Angebote von anderen Versicherern ein und prüfen Sie, ob Sie ggf. wechseln wollen oder können.
  12. Setzen Sie sich mit Ihrem Rentenversicherungsträger in Verbindung und prüfen Sie, ob eventuell eine Weiterzahlung der Beiträge infrage kommt.
  13. Fragen Sie Kolleginnen und Kollegen, die schon (länger) selbstständig sind, frühzeitig nach Tipps und Empfehlungen und prüfen Sie sorgfältig, welche davon auf Ihren „Fall“ und Ihre Situation anwendbar sind.
  14. Setzen Sie sich als Ziel, gut von Ihrer selbstständigen Tätigkeit leben zu können – und nicht nur zu „überleben“. Nur überleben zu wollen, macht auf Dauer keinen Spaß.
  15. Überlegen Sie, ob Sie einem Fachverband, zum Beispiel dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), beitreten.
  16. Prüfen Sie, ob Ihr aktueller Arbeitgeber eventuell weiter mit Ihnen auf freiberuflicher Basis arbeiten und Ihnen Aufträge erteilen möchte. Achten Sie jedoch peinlichst darauf, dass keine Scheinselbstständigkeit entsteht.
  17. Lassen Sie sich beraten, ob Sie als Selbstständige(r) erst einmal die Kleinunternehmerregelung nutzen oder nicht. Das hängt möglicherweise auch vom Datum Ihres Ausscheidens bei Ihrem Arbeitgeber ab (zum Beispiel erst Mitte des Jahres).
  18. Überlegen Sie, ob Sie Ihre Buchführung (EÜR, Einnahme-Überschussrechnung) selbst machen oder sich Hilfe bei einem Steuerberater suchen werden (den Richtigen zu finden braucht auch seine Zeit).
  19. Zu den erforderlichen Behördengängen und ersten Formalitäten lesen Sie bitte den entsprechenden Beitrag hier auf Wissenswinkel.
  20. Zur Spracherkennungssoftware im Zusammenspiel mit CAT-Tools hat Michael Buss einen hilfreichen Beitrag verfasst – hier zum Download.

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